Kairo

Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass ich während des Ramadans in ein überwiegend muslimisches Land gekommen bin. Gewusst habe ich es vorher nicht. Ich war auf jeden Fall etwas überrascht, als ich an meinem ersten Tag hungrig mittags etwas essen gehen wollte und alles geschlossen hatte. Es wird ca. 18:00 dunkel und ab 19:00 kann man überall etwas zu essen finden. Irgendwie wird man dadurch gezwungen auch zu fasten tagsüber. Aber ein paar Snacks und Getränke kann man auch tagsüber in den Supermärkten finden. Supermarkt ist hier eher zu vergleichen mit einem Mini-Späti, aber wenigstens befindet sich ein solcher direkt vor dem Hotel. Abgesehen davon ist es natürlich angenehm, wenn während des Ramadans weniger Touristen da sind und ich daher bis auf eine Nacht das 4er-Zimmer für mich alleine hatte. Dafür schließen aber auch fast alle Sehenswürdigkeiten usw. spätestens um drei nachmittags.

Also schnell noch irgendwo hin. Einen frisch gepressten Orangensaft bekommt man (auch tagsüber) an jeder Ecke. Für umgerechnet 50 ct. Genau das richtige bei 47 Grad. Danach schnell ins ägyptische Museum, ist nur 10 min zu Fuß entfernt. Eigentlich nur 5, aber man braucht ewig um die Straßen lebendig zu überqueren. Ich habe ohne Tour oder Audioguide zwei Stunden dort verbracht bis ich rausgeschmissen wurde. Es ist unglaublich beeindruckend, ich komme aus dem Staunen immer noch nicht raus. Die alten Ägypter waren ein so fortschrittliches Volk, man kann sich kaum vorstellen, was hier vor 5000 Jahren alles passiert ist. Die Sarkophage alle bis ins letzte Detail perfekt aus Stein gemeißelt, manche auch aus Holz mit Farben bemalt, die Verzierungen und Inschriften so fein, genauso wie der Schmuck der Pharaonen, die Mumien so gut erhalten. Es gibt einen extra Tutanchamun-Raum, wo man die berühmte Maske sehen kann, die er trug, als er beerdigt wurde. Alles in allem auf jeden Fall einen Besuch wert. Und als Student bezahlt man hier fast überall ca. die Hälfte.

Nach dem Museum bin ich ein bisschen am Nil entlang gelaufen und habe nach Krokodilen gesucht. Die wurden in den meisten Gebieten allerdings von Menschen fast ausgerottet. In Ägypten gibt es wohl nur noch welche am Nasser-Stausee. Danach bin ich etwas planlos durch die Gegend gelaufen und kam in einen Bezirk namens „Garden-City“. Man kann überall umherlaufen, aber an jeder Ecke sind Absperrungen für Autos und Militärkontrollen. Mir wurde dann auch klar warum, dort befindet sich die amerikanische Botschaft. Davor riesige Plakate mit Bildern von Trump und folgender Aufschrift: „A tribute to the American leader Donald Trump who supports the Egyptian people and respects their right to defend their lives, security and stability of their counrty.“ Ja genau, dieser Mensch ist weithin für seine Toleranz bekannt.

An der nächsten Ecke fand ich einen kleinen Obstmarkt, wo ich für ein halbes Kilo Erdbeeren ca. 20 Cent bezahlt habe, schmeckt gleich doppelt so gut. Zurück im Hostel lernte ich den Manager, George, und einen anderen Gast, ebenfalls George (aber anders ausgesprochen, weil er ist Franzose), kennen. Ich war ganz schön kaputt vom Herumlaufen in der Hitze und wollte mich kurz ausruhen, aber auch das ist schwierig bei den Temperaturen. George fragte, warum ich nicht die Klimaanlage in meinem Zimmer angemacht hatte. Die geht doch nicht, oder? Zumindest war nichts passiert, als ich vorher den Schalter angemacht hatte. Doch, doch, die geht, warum hast du die denn nicht angekriegt?!?!  Hm, habe ich mich so blöd angestellt… Ja irgendwie schon, man muss den Schalter anmachen und dann mit einem Stift in einem kaum sichtbaren Loch (wo wohl irgendwann mal ein Knopf gewesen war…) herumstochern. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin… Zum Abendessen hatte der französische George eine halbe Wassermelone (6kg) für alle organisiert. Wir haben es zu sechst gerade so geschafft sie aufzuessen. Dann erklärte mir George die abendliche Prozedur: unten an der Straße sitzen und Shisha rauchen.  Kaum haben wir das Gebäude verlassen, wird mir sofort die Bedeutung des abendlichen Fastenbrechens klar. Alle Menschen sind draußen, überall gibt es Essen und alle rauchen, meist Shisha. Alkohol gibt es natürlich nicht. Fand ich aber ganz angenehm, wenn ich es mit dem ganzen Gekotze auf den Straßen an den Wochenendnächten in Schottland vergleiche.

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George gegen George

George kennt jeder hier in der Gegend und es wird sofort der beste Tisch für uns hergerichtet, es gibt Shishas, Tee und Wasser. Die beiden Georges fangen an, Backgammon zu spielen, eine Argentinierin ist auch noch da und ein in Kanada lebender Libyer, beide auch Gäste im Hotel. Alles ist jetzt bunt und laut und die Temperaturen sind auf angenehmere Werte gesunken. Die Einheimischen erledigen jetzt, wo alles geöffnet ist, auch ihre Geschäfte. Auch die Kinder sind die ganze Nacht mit unterwegs. Die Straßen, schon tagsüber ein Chaos vom Feinsten, sind jetzt einfach im Ausnahmezustand. George erzählt mir dazu folgende Geschichte von einem anderen Gast im Taxi auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel: “ The guest is sitting in the back and wondering if he will make it to the hotel alive and if the driver even has a license. Probably not. Anyways, the driver goes over a red traffic light and the guest asks why he is not stopping and waiting until it’s green. The driver responds: „Don’t worry, I’m a professional.“ The same things happens again at the next traffic light. The man tells him he is not in a hurry and they can just wait at the red light, but the driver crosses the intersection assuring him he is a professional and knows what he is doing. Finally they get to a traffic light that is green. And the driver stops. Totally confused he is asking the driver why he stops at a green light. The driver says: „What if another professional comes from the left or right side???““

Nach dieser Story halte ich die Ägypter endgültig für verrückt. Ich frage George, ob das heißt, dass sie einfach die Bedeutung von Rot und Grün vertauschen und einen auf verkehrte Welt machen. Nein, nein, Rot bedeuted Rot und Grün bedeutet Grün. Ok, also werden die Ampeln ignoriert? Nein, wir nehmen sie schon wahr. Aber es ist mehr wie eine Dekoration der Straßen, wie Weihnachtsdekorationen, rot und grün. Eine weitere Sache, die mich echt erschrocken hat und wahrscheinlich die meisten Unfälle nachts verursacht, ist, dass die Hälfte der Autofahrer ohne Licht nachts fahren. Georges Kommentar dazu: Sie sparen Energie, damit sie mehr hupen können, macht doch Sinn. Es kommt übrigens auch andauernd vor, dass Leute rückwärts auf der Straße fahren. Also nicht, um einzuparken oder so, sondern weil sie 50 Meter vorher verpasst haben, abzubiegen. Wenn man genug hupt, kommt man auch rückwärts halbwegs unsicher klar. Und die öffentlichen Busse fahren grundsätzlich mit offenen Türen, wenn man mitfahren will, muss man Glück haben und einen langsam fahrenden Bus erwischen, damit man aufspringen kann. Wenn der Verkehr gerade zur Abwechslung mal flüssig ist, hat man Pech gehabt.

Als ich am ersten Tag in einem von den „Spätis“ einkaufen war, fielen mir ein paar Fässer mit eingelegten Oliven, Peperoni und noch etwas auf. Als ich den Verkäufer fragte, was es war, sagte er: lemons, try! Aus Neugierde würde ich ja echt fast alles probieren und ich esse auch gerne Zitronen, aber ich weiß nicht, ob die Ägypter die einfach so essen, oder zu irgendetwas dazu?!?! Jedenfalls habe ich die Hälfte abgebissen und es war so unendlich sauer und bitter und scharf (alles gleichzeitig), dass ich mit dem Kauen echt Mühe hatte. Der Verkäufer hat mich aber so erwartungsvoll und begeistert dabei angestarrt, dass ich mich aus Höflichkeit gezwungen gefühlt habe, weiterzuessen und so zu tun, als ob es super gut schmeckt. Als ich die erste Hälfte endlich heruntergeschluckt hatte und dachte, ich sei nun erlöst, nickte er ganz eifrig lächelnd zu der zweiten Hälfte in meiner Hand. Oh nein. Mir wurde langsam schlecht. Aber ich wollte ihn nicht enttäuschen, immerhin ist es eine ägyptische Spezialität. Nach dem qualvollen Zerkauen und Schlucken der zweiten Hälfte schien er aus meinem Gesichtsausdruck immer noch nicht verstanden zu haben, dass ich kein Fan war. Und ich bin mir sicher, dass man es mir sehr deutlich angesehen hat. Er hatte schon die Kelle bereit, um mir gleich eine ganze Schale abzufüllen, aber ich meinte nur: Nein, danke, nur Oliven und Peperoni heute. Wollte ich zwar eigentlich auch nicht, aber er war so begeistert bei der Sache und die paar Cent konnte ich noch entbehren.

Am nächsten Tag hatte ich eine Tour zu den Pyramiden gebucht. Gizeh ist zwar nicht weit weg, eigentlich nur auf der anderen Seite des Nils, die Städte sind praktisch zusammengewachsen, und man kann auch mit Bussen gut zu den Pyramiden kommen, aber wegen der Explosionen eine Woche zuvor wird jedem Tourist empfohlen, mit einem privat organisierten Auto und Führer zu gehen. Dafür bezahlt man ca. 30€, völlig in Ordnung, selbst für mein Studentenbudget. Die junge Frau, die mich abholte, heißt Randa und als ich ihr sagte, dass ich Deutsche sei, freute sie sich und fing sofort an fließend Deutsch mit mir zu sprechen. Unten an der Straße wartete unser Fahrer auf uns. Irgendwie schon ein komisches Gefühl alleine durch die Gegend kutschiert zu werden. Als erstes ging es in das ca. 30 Minuten entfernte Sakkara, wo sich die berühmte Stufenpyramide von Djoser befindet, die älteste Pyramide in Ägypten, gebaut ca. 2700 Jahre vor Christus. Seit 10 Jahren wird die Pyramide restauriert, immer wieder mit großen Pausen, da es an Geld fehlt. Dem Land geht es schlecht seit der Tourismus so stark zurückgegangen ist. In Sakkara gibt es noch weitere Pyramiden, in eine kleinere durfte ich auch rein, durch einen niedrigen Gang abwärts, innen sind die Wände aus Alabaster und jeder Zentimeter ist mit Hieroglyphen beschriftet. In der Mitte befindet sich ein großes steinernes leeres Grab, das vom Pharao Djoser, geplant und errichtet vom Hohepriester Imhotep. Ja IMHOTEP! Der aus dem Film.

Auf dem Rückweg sind wir an einer Papyrusfabrik vorbeigekommen und ich habe gelernt, wie man Papyrus herstellt. Ein völlig überteuertes Papyrusbild von Tutanchamun wollte ich trotzdem nicht kaufen. Wir kamen schließlich nach Gizeh und sahen gleich am Stadtrand die Pyramiden, insgesamt gibt es dort 9, die drei größten sind die bekanntesten: Cheops, Chephren und Mykerinos. Die Namen wurden übrigens von den Griechen umgeändert, weil ihnen die altägyptischen zu kompliziert waren. Der Bau von diesem gigantischen Meisterwerk, bei dem Steine von bis zu 15 Tonnen verbaut wurden (insgesamt 2,5 Mio Steine), hat nur 20 Jahre gedauert! Das kann ich mir immer noch nicht vorstellen. Die ursprüngliche Höhe betrug 147 Meter, 10 Meter der Spitze fehlen allerdings. Außerdem war die Pyramide früher von außen mit poliertem Kalkstein verkleidet, der wurde allerdings herausgebrochen und für den Bau von Gebäuden in Kairo verwendet, sodass die Pyramide nun stufenförmig ist. Die spinnen, die Ägypter. Ich bin mit Randa zwischen den Pyramiden umherglaufen, es waren nur sehr wenige andere Touristen da, was sehr angenehm war. Sie hat mir so viele interessante Geschichten erzählt, an alles kann ich mich leider nicht erinnern. Was mir jedoch gut in Erinnerung geblieben ist, ist unser Gespräch über das Bevölkerungswachstum in Ägypten. Ich hatte mich sehr gewundert, weil die Pyramiden so extrem nah an der Stadt dran sind, auf Bildern, die ich gesehen hatte, sah es so aus, als ob sie mitten in der Wüste stehen würden. Randa meinte, das war vor einigen Jahrzehnten auch noch so. Da die Bevölkerung aber stetig wächst (momentan ca. 20 Mio Einwohner in Kairo), wird der Stadtrand aber immer mehr erweitert. Das Bevölkerungswachstum hat sowohl etwas mit der Kultur, als auch mit dem Gesundheitssystem zu tun. Es gibt keine Rente und keine Krankenversicherung, das heißt, alte Menschen, die nicht mehr arbeiten, sind auf ihre Kinder angewiesen, sowohl aus finanzieller, als auch aus gesundheitlicher Sicht. Deswegen bekommen die meisten Leute viele Kinder. Randa ist eine der wenigen Ausnahmen, sie ist ca. Mitte dreißig, nicht verheiratet und keine Kinder. Für ihre Mutter ist es eine unerträgliche Schande. Sie versteht nicht, dass eine junge Frau mit gutem Job auch für sich selbst sorgen kann und dass sie nicht heiraten möchte, nur um den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen.

Was ich übrigens sehr schade finde, ist, dass es unzählige alte, verlassene Gebäude in Kairo gibt, das heißt, man bräuchte die Stadtgrenzen eventuell gar nicht ständig zu erweitern, man könnte auch in die Restaurierung der bereits bestehenden Gebäude investieren, aber das ist unter Umständen teurer, als einfach neue Häuser zu bauen. Ich weiß es nicht…

Nach der Pyramide gingen wir zur Wächterin der Pyramiden, der Sphinx. Sie ist so nah an den Ausläufern der Stadt egelegen, Randa sagt, sie starrt direkt auf einen „Hallo Pizza“-Laden, was für eine Schande. Ich hatte mir die Sphinx größer vorgestellt, aber natürlich ist sie trotzdem beeindruckend. Die Vorderpfoten wurden gerade neu restauriert, am Hinterteil laufen die Arbeiten momentan. Die Nase fehlt natürlich, Randa sagt, es war Obelix. Im Zusammenhang mit der Sphinx haben wir auch über das Frauenbild der alten Ägypter gesprochen. Früher waren Frauen gleichberechtigt, wurden sogar teilweise verehrt, wenn man es mit der Lage heutzutage vergleicht, haben sich die Ägypter deutlich zurückentwickelt. Gerade im islamischen Glauben. Muslimische Frauen haben deutlich weniger Rechte als Männer. Ich habe abends, wenn ich mit den Jungs vom Hotel aus war, selten überhaupt Frauen gesehen, auch tagsüber auf den Straßen, in Läden, überall: eine männerdominierte Welt. Die Frauen sind zu Hause und kümmern sich um Haushalt und Kinder. Randa erzählte mir sogar, dass es letztens eine Diskussion gab, wie muslimische Frauen bestraft werden sollten, wenn ihnen während des Ramadans beim Duschen etwas Wasser in der Mund kommt. Das ist doch krank. Eines der muslimischen Mädchen, die im Hotel arbeiten, kam einmal zum Bettenmachen ins Zimmer und wir haben uns etwas unterhalten. Während des Gesprächs wurde ihr mehrmals schwarz vor Augen und sie musste sich hinsetzen. Außerdem war sie extrem zittrig und schien einfach erschöpft. Als ich sie fragte, ob es ihr nicht gut ginge, sagte sie, dass es so immer tagsüber während des Ramadans sei, sie hat zwei Jobs und muss nachts schlafen, kann deshalb nicht ausreichend essen und tagsüber geht’s ihr dann beschissen. Ich habe angeboten ihr zu helfen, habe sie gefragt, ob sie nicht wenigstens einen Schluck Wasser trinken möchte, aber sie hat alles abgelehnt. Ich kann es sicher nicht nachvollziehen, weil ich nicht religiös bin und ich finde, jeder sollte glauben oder nicht glauben, was er möchte, aber das geht mir teilweise echt zu weit, wenn die Gesundheit in solchem Ausmaß aufs Spiel gesetzt wird.

Abends saß ich wieder mit George und seinen Freunden an der Straße zu Tee und Shisha. Die beiden Besucher (beide gebürtige Iraker, aber in Schweden lebend), verschwanden irgendwann, weil sie sich ägyptische SIM-Karten kaufen wollten. Als sie nach einer halben Stunde nicht zurück waren, ging George los, um sie zu suchen. Wir mussten fast 2 Stunden warten, bis sie zurückkamen. Es dauert einfach ewig eine SIM-Karte zu bekommen, weil man 100 Verträge und Formulare ausfüllen muss. Besonders schwer machen sie es arabisch aussehenden Ausländern, meinte George. Das liegt daran, dass bei Attentaten usw. häufig Sprengsätze mit Handys gezündet werden, deshalb muss jeder, der eine SIM-Karte möchte, sich datentechnisch nackt ausziehen. Die wollten z.B. von allen Verwandten (bis zu Onkel und Tanten von den Großeltern) Namen und Wohnort.

Als sie es endlich geschafft hatten, fuhren wir zu einem der größten Märkte Kairos, zum Khan el Khalili Bazar. Es war so viel los, man konnte sich kaum bewegen. Wir setzten uns in den ältesten Coffee Shop, den es dort gibt, El Fishawy. Es gab, mal wieder, Shisha und Tee. Anders geht es hier einfach nicht. Alle zwei Sekunden kommen Händler und bieten einem alles mögliche an, unter anderem wurden dem einen Typ einfach seine Schuhe ausgezogen und zum Putzen weggenommen. Der (etwas fragwürdige) Schuhputzer tauchte danach über eine Stunde nicht wieder auf und Georges Freund saß sockig da, während wir uns halb tot gelacht haben, weil wir uns sicher waren, dass er die Schuhe nicht wieder sehen würde. Ein paar echte Adidas-Turnschuhe sind wahrscheinlich mehr wert, als ein Schuhputzer in einem Monat verdient (es gibt übrigens auch keinen Mindestlohn in Ägypten). Irgendwann ging einer der Angestellten des Coffee Shops los und kam dann auch tatsächlich mit den (geputzten) Schuhen zurück. Kurz darauf setzte sich ein zahnloser Opi mit Gitarre zu uns und trällerte ein paar Liedchen, Privatkonzert am Tisch. Um kurz nach 2 wurde der Markt langsam immer leerer. Die letzte Mahlzeit der Nacht („Abendessen“) findet um ca. 3:30 Uhr statt, deshalb gingen alle nach Hause. Wir suchten nach einem Taxi und fanden einen Minivan, der uns ununterbrochen hupend und ohne Licht durch das nächtliche Verkehrschaos nach Hause brachte. Zweimal erinnerte ihn George ganz beiläufig daran, bei der roten Ampel zu halten. Ich fragte, warum er dies tat, ist der Fahrer etwa kein „professional“, vertraut er ihm nicht? „Doch, doch!“, sagte George, er sei der beste Taxifahrer, dem er bisher begegnet sei, aber er hatte ihm gesagt, dass ich Deutsche bin und dass Deutsche es nicht mögen, wenn man über Rot fährt. Insgesamt ein super lustiger Abend.

Die restlichen Tage in Kairo verbrachte ich damit, mir eine der größten Moscheen (Muhammad Ali Mosque) anzusehen und einfach durch die Straßen zu wandern, Leute zu beobachten und das Chaos zu genießen. Und allzu schnell war meine Zeit in Kairo dann auch schon wieder vorbei. Ich hatte eine Busverbindung von einem privaten Busunternehmen (hergekommen war ich mit der Busgesellschaft, die staatlich betrieben wird) gefunden, mit der ich ohne Umsteigen direkt nach Dahab kommen würde. Die privaten Busunternehmen wurden mir mehrfach empfohlen und seien deutlich besser, auch die Busse in einem besseren Zustand. Allerdings würden sie schwerer durch Militärkontrollen kommen. Das hat sich auch sogleich bewahrheitet. Ich war gerade im Bus eingeschlafen, da waren wir vorm Suez-Kanal und mussten (wie auf der Hinfahrt) aussteigen, alle unsere Gepäckstücke ausladen und öffnen. Durch den Tunnel durch und kurz danach standen wir schon wieder still. Ich war etwas eingedöst, aber als ich wach wurde, war es draußen schon hell und wir standen immer noch auf der gleichen Stelle. Seit 3 Stunden. Es war der Grenzübergang zum Süd-Sinai, auf dem Hinweg waren wir hier gar nicht angehalten worden und auch jetzt wurden manche anderen einfach durchgewunken. Ein bisschen Connections zur Regierung oder ein paar Scheinchen in der Hand erleichtern einem hier einiges. Als wir endlich durch waren, sah ich die komplette Straßensperre zum ersten Mal: mehrere hundert Meter Soldaten und Polizisten, alle bewaffnet, manche in Panzern, manche hinter Mauern kleiner Beobachtungsposten. Und auch danach wurden wir alle halbe Stunde an irgendeiner Straßensperrre angehalten, entweder Pass- oder Gepäckkontrolle, manchmal auch ohne erkennbaren Grund. Jedenfalls schien alles in Ordnung zu sein und wir kamen jedes Mal durch. Und nach flotten 11 Stunden Fahrt und Rumgestehe kam ich endlich in Dahab an…

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