Eine Reise

Nach einer weiteren mückenstichreichen Nacht im Hostel nähert sich mein Aufenthalt in Israel dem Ende. Wurde jetzt auch Zeit, denn eine meiner neuen Zimmergenossinen (ebenfalls Deutsche) hat uns alle in den Wahnsinn getrieben, weil sie die ganze Nacht auf war, mit Licht an telefoniert hat und ins Zimmer rein- und rausgerannt ist. Das Schlimmste war, dass ich als einzige andere Deutsche auch noch verstanden habe, worüber sie sich am Telefon beschwert hat, nämlich über die ganzen Ausländer hier (im Ausland!!!), die weder ihr Deutsch noch ihr Englisch verstehen. Höchste Zeit, die Flucht zu ergreifen.

Um 6 Uhr nahm ich den Bus vorm Hostel in Richtung Busbahnhof. Den gleichen Bus hatte ich am Tag davor schon genommen. Ich hatte versucht, mir mit Bargeld ein Ticket beim Fahrer zu kaufen, doch der meinte, ich bräuchte irgendeine Karte, sonst ginge das nicht… Er hat mich dann trotzdem (umsonst) mitgenommen, mir ganz freundlich gesagt, wo ich aussteigen muss und mir einen schönen Tag gewünscht. Am nächsten Tag wusste ich immer noch nicht, wie das mit der Fahrkarte funktioniert und habe mich wieder mit etwas Bargeld an die Haltestelle gestellt. Lustigerweise saß genau der gleiche Fahrer im Bus, hat schon gegrinst als er mich sah und als ich wieder mit dem Bargeld anfing, hat er mich lachend reingewinkt und wieder umsonst mitfahren lassen. Einfach toll. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass einem so etwas in Deutschland nie passieren würde und ich mich deshalb bei solchen Gelegenheiten umso mehr über nette Menschen freue.

Am Busbahnhof stand der Fernbus Richtung Eilat schon bereit, diesmal musste ich mir ein Ticket kaufen. Der Bus wurde ziemlich schnell ziemlich voll und bald wurde klar, dass der Fahrer zu viele Tickets verkauft hatte und nicht alle einen Sitzplatz hatten. Alle, die (so wie ich) nicht im Voraus gebucht hatten und daher keine Sitzplatznummer hatten, hatten Pech. Ich habe trotzdem einen nicht allzu schlechten Platz auf einer kleinen Stufe inmitten einer philippinischen Großfamilie gefunden. Sie haben mich direkt in ihre Gemeinschaft aufgenommen und mir Essen und Trinken angeboten. War auch alles sehr lustig, bis das eine Kind anfing zu kotzen. Ging ihm aber 5 Minuten später wieder besser, zumindest nach dem ausgiebigen Schokoladenkonsum zu urteilen. Immer wieder brach weiter vorne im Bus Streit mit dem Fahrer wegen der vielen stehenden und auf dem Boden sitzenden Passagiere aus. Am 2. Rastplatz rief dann sogar tatsächlich jemand die Polizei dazu. Zum Glück löste sich das ganze Problem, weil kurz darauf ein anderer Bus neben uns anhielt, der fast leer war und die gleiche Strecke fuhr. Nun hatte jeder sogar zwei Sitzplätze, ich konnte endlich etwas schlafen und es wurde auch nicht mehr gestritten. Nur meine philippinische Familie habe ich etwas vermisst.

Der Weg nach Eilat besteht größtenteils aus einer Straße mitten durch die Wüste. Erinnerte mich sehr an die Szenen aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, als er auf dem Pferd neben dem Panzer herreitet. Wurde ja auch gar nicht weit entfernt in Jordanien gedreht…

In Eilat stieg ich bei 40°C auf dem kleinen Busbahnhof aus, eine Viertelstunde später kam der Bus nach Taba, wo sich der Grenzübergang befindet. Der Bus fuhr zunächst eine halbe Stunde lang zu jeder Hotelanlage in Eilat, welches mich auf unangeneheme Weise an Las Vegas erinnert. Irgendwie scheint alles so fake zu sein, nur für den Tourismus erschaffen und wie man dort wohnen möchte, kann ich nicht verstehen. Aber wenigstens war endlich das Rote Meer in Sicht! Am Grenzübergang, inzwischen über 40 Grad, muss ich daran denken, was Ofek zu mir gesagt hatte, als wir darüber sprachen, wie leicht oder schwer man über Israels Grenzen kommt. „Tja, wir haben Grenzen zu den palästinensischen Gebieten, zu Jordanien, zum Libanon, Syrien und eben der Sinai-Halbinsel, welche zu Ägypten gehört. Eingesperrt zwischen lauter Krisengebieten, naja, wir gehören ja selbst auch nicht zum sichersten und friedlichsten Land schätze ich mal…“. Aufgrund dessen und auch aufgrund der Berichte im Internet und Hinweisen des auswärtigen Amtes (es wird an vielen Stellen davon abgeraten zu Fuß die Grenze zu überqueren und lieber zu fliegen) hatte ich mich schon auf eine komplizierte Angelegenheit eingestellt. Ich war jedoch bei Weitem nicht die einzige, die zu Fuß über die Grenze in Taba wollte. Die Schlange war ca. 100 Meter lang, als ich ankam. Schön mit 2 Rucksäcken und bei der Hitze draußen ewig rumstehen. Es ging dann aber zum Glück relativ zügig voran. Die Übertretung der Grenze könnte kaum umständlicher und langwieriger sein. Erst werden von israelischer Seite aus mehrmals Polizei- und Gepäckkontrollen durchgeführt, man muss eine Ausreisegebühr bezahlen und erhält eine Ausreiseerlaubnis. Danke dafür. Dann kommt der gleiche Quatsch noch einmal, aber diesmal durchgeführt von ägyptischen Beamten. Pass, Gepäck, noch einmal Pass, Ausreiseerlaubnis von Israel, Visum, Zollerklärung usw. Insgesamt war ich sicher 2 Stunden damit beschäftigt, über diese Grenze zu kommen. Aber dann konnte ich endlich weiter mit meinem schweren Gepäck durch die Hitze laufen und einen Bus suchen. Es kam sogleich ein typisches Afrika-Feeling auf, als ca. 10 Taxifahrer mich unbedingt irgendwo für viel zu viel Geld hinfahren wollten und etliche Minibusse auch schon parat standen und deren Fahrer ganz aufgeregt gehupt und gewunken haben. Im Endeffekt habe ich einen der Grenzbeamten gefragt, wie ich zum Bus nach Sharm El-Sheikh komme (von wo aus man weiter nach Kairo kommt). 1 km weiterlaufen. Ok, leichter gesagt, als getan. Der Schweiß lief. Unterwegs habe ich schnell in einem Hotelresort ägyptische Pfund abgehoben (der Kurs ist für uns seit Jahren, ich glaube seit irgendeiner der politischen Krisen, sehr gut für uns, 18 Pfund für 1 Euro, davor war es die Hälfte). Irgendwann kam ich zu dem fast völlig verlassenen Busbahnhof, ich hatte noch eine Stunde bis der Bus kam und zahlte umgerechneet 4€ für die Fahrt, der Unterschied zu Israel fiel mir gleich sehr positiv auf. Kurze Verwirrung, weil ich mit dem Grenzübertritt auch die Zeitzone gewechselt hatte und kurz Panik hatte, den Bus schon verpasst zu haben. Während ich wartete, unterhielt ich mich mit einem sehr netten Sicherheitsbeamten. Eine Sache, die mir gleich auffiel, war, dass außer mir niemand etwas aß oder trank. Ich hatte auch angeboten etwas Wasser oder eine Cola zu holen, aber nein, lieber bei dieser Hitze dehydrieren. Der Sicherheitsbeamte klärte mich kurz darauf freundlicherweise auf, momentan ist Ramadan. Also bis ca. 18-19 Uhr keine Getränke und kein Essen. Was für eine Quälerei. Irgendwann stiegen auf einmal ein paar Leute etwas weiter in einen Bus, auf dem „Cairo“ stand. Ich hatte gehört, dass es keine Direktverbindung von Taba nach Kairo gibt, aber das wäre natürlich praktischer als einen großen Umweg zu fahren und umsteigen zu müssen… Nein, der Bus ist nur für Ägypter, nicht für Ausländer, weil es nicht sicher ist durch den mittleren und nördlichen Teil des Sinais zu fahren… Ok, dann den längeren Weg.

Außer mir saßen im Bus noch 5 anderen Leute. Also genug Platz für ein Nickerchen. Erst ging es eine Weile am Roten Meer entlang, dann durch eine sehr karge Steinwüste. Der Bus war relativ alt und klapprig und fuhr extrem langsam. Hinzu kamen noch viele Straßensperren mit Kontrollen. Um 19:00 kamen wir endlich in völliger Dunkelheit in Sharm El-Sheikh an. Im Busbahnhof gegenüber kaufte ich ein Ticket für den nächsten Bus nach Kairo um Mitternacht. Also einiges an Zeit totzuschlagen bis dahin. Der Busbahnhof ist ein echt komischer Ort. Sehr groß und überwiegend leer, ein paar Stände und ein kleines Café. Dort gab es wenigstens Strom und WLAN. Insgesamt habe ich mich dort nicht unwohl gefühlt, aber irgendwie ständig beobachtet. Ich war die einzige Frau und die einzige mit heller Haut und hellen Haaren, also irgendwie auffällig. Es hat mich aber niemand belästigt oder blöd angequatscht. Der Inhaber des kleinen Cafés hat mich mit Tee und Wasser versorgt. Insgesamt habe ich für drei Tassen Tee und zwei Flaschen Wasser umgerechnet 1€ gezahlt. Angenehm.

Um Mitternacht kam der schon volle und furchtbar stinkende Bus an, diesmal hatte ich zum Glück einen Sitzplatz, viele standen wieder im Gang herum. Schlafen ging nicht und gesehen hat man draußen auch nichts. Um kurz vor 5, als es hell wurde, hielten wir an, alle aussteigen, wieder unzählige bewaffnete Soldaten, die uns und unsere Gepäckstücke kontrollierten. Wir waren direkt vorm Suez-Kanal und kurz davor die Sinai-Halbinsel zu verlassen. War alles ok und es ging zügig weiter. Leider durch einen Tunnel, also nichts zu sehen vom Kanal. Um halb sieben Ankunft in Kairo, keine Ahnung wo, aber einer meiner Mitreisenden aus dem Bus organisierte mir sofort ein Taxi und vereinbarte mit dem Fahrer einen fairen Preis. Ich glaube es waren 2€ für eine Fahrt durch die halbe Stadt zu meiner Unterkunft. Unterwegs durch die Stadt saß ich relativ unruhig hinten und klammerte mich am Sitz fest. Es gibt sehr breite Straßen, aber keine Spuren, alle fahren kreuz und quer, anstatt zu blinken, wird gehupt, alle fahren nur Zentimeter aneinander vorbei, Ampeln gibt es, aber sie scheinen irrelevant, das stört nur den Verkehrsfluss. Daran musste ich mich erst wieder gewöhnen, Chaos pur. Am Ende bin ich gut angekommen, das Hostel ist eigentlich ein Hotel, in dem man aber auch günstig in Gemeinschaftszimmern schlafen kann, 5€ pro Nacht. Das Hotel befindet sich in einem 150 Jahre alten Gebäude im 6. Stock, zwischen den Treppen gibt es einen Fahrstuhl, aber der sah fast so alt aus, wie das Gebäude selbst und war irgendwie so halb offen… Nichts für mich. Oben an der Rezeption sagte mir der Mitarbeiter, dass man eigentlich erst nachmittags einchecken kann. Ich wusste das, war aber so müde und kaputt, dass ich mich direkt hinlegen wollte, ich habe auch angeboten, einen Tag extra zu bezahlen. Nein!!! Das ist doch gar kein Problem, das Zimmer ist sowiso leer und alle Betten gemacht, such dir einfach eins aus und schlaf erstmal. Auch diese Freundlichkeit kam wieder überraschend und wurde von mir sehr dankbar angenommen. Erster Tag in Ägypten: anstrengend, aber erfolgreich gemeistert.

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