Reiserast

Dieser Beitrag ist lange überfällig. Ich habe ihn direkt bei meiner Ankunft auf dem Campus hier Mitte November verfasst, aber dann vergessen ihn fertigzustellen und zu veröffentlichen. Shame on me. Deshalb hier nun ein Einblick in mein vergangenes Selbst…

So, nun, da ich mein vorläufiges Ziel erreicht habe und morgen mein letztes Jahr der medizinischen Ausbildung beginne, ein kleines Fazit zu den letzten 9 Wochen.

Um es kurz zu fassen: Es war die beste Zeit meines Lebens!

Ich habe ca. 7500 km zurückgelegt, war in Kenia, Tansania, Mosambik, Swaziland und Südafrika. Ich habe es nicht eine Sekunde bereut, alleine unterwegs zu sein, im Gegenteil, ich habe es richtig genossen, flexibel und unabhängig zu sein, ich habe fast jede Nacht in einer anderen Unterkunft verbracht, immer so wie ich gerade Lust hatte. Ich habe festgestellt, wie einfach es ist, neue Leute kennenzulernen und kann es immer noch nicht glauben, wie vielen tollen Menschen ich begegnet bin. Gerade wenn man alleine ist, fällt es einem viel leichter, auf fremde Menschen zuzugehen und irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich noch nichts alleine unternommen hatte. Kaum zu glauben.

Natürlich erlebt man auch einige verrückte Sachen und muss vieles einfach so akzeptieren, wie es ist, auch wenn es einem unsinnig oder vielleicht einfach nur unbekannt vorkommt. Die ersten Gedanken, die mir dazu kommen, haben mit dem öffentlichen Transportsystem zu tun. Ich habe den größten Teil der Strecke in Bussen zurückgelegt. Das war auch in gewisser Hinsicht recht unkompliziert und vor allem die billigste Art zu reisen. Minibusse gab es bisher in jedem afrikanischen Land in dem ich war und meistens fahren sie, wenn die Zeit gekommen ist, überall  hin. Allerdings muss man auch wirklich aufpassen, oftmals wird dir als ahnungsloser weißer Touri versprochen, dass du natürlich mit diesem Bus genau dorthin kommst, wo du hinwillst und im Nachhinein sitzt du dann irgendwo im Nirgendwo, weil die Leute doch nur dein Geld wollten. Dann wird man rausgeschmissen und dir wird netterweise noch gesagt, wie du wirklich dahinkommst, wo du hinwillst. Gerade in entlegeneren Gegenden, wo es kaum Touristen gibt und man aufgrund seiner weißen Hautfarbe sofort auffällt, wird man schnell verarscht. Es wird natürlich auch immer gewartet, bis der gesamte Bus doppelt voll besetzt ist, damit es sich auch richtig lohnt. So wartet man manchmal ein, zwei Stunden bis es losgeht. Aber irgendwann weiß man das, sieht alles etwas lockerer und kann auch darüber lachen. Ein anderes leicht verwirrendes Thema waren die „Beachboys“, die einem andauernd hinterherlaufen, Sachen verkaufen wollen und einen meist mit ihrem Standardsatz in ein Gespräch verwickeln wollen: „Hey, do you remember me? You promised me yesterday you would buy something.“ Wenn man dann ganz perplex erwidert, dass  man erst vor einer Stunde angekommen sei, kommt sofort ganz vorwurfsvoll: „What? You don’t remember me? But I remember you! You wanted to buy something…“ Jaja, das habe ich wirklich sehr häufig zu hören bekommen… In Tansania war es auch üblich, jedem Menschen für ausnahmslos alles ein Trinkgeld zu geben. Wenn man zum Beispiel nur nach einer Straße gefragt hat und auch eine Erklärung bekommen hat, kam direkt im Anschluss der Satz: „Tip is ok.“, was eher eine Aufforderung ist. Manchmal wird man auch sehr dreist verarscht. Zum Beispiel konnten wir im Hostel in Mosambik unsere Wäsche waschen lassen und bekamen dafür eine Liste mit Preisen für jedes Kleidungsstück. Ich hatte meine Wäsche am Tag vorher abgegeben und die normalen Preise bezahlt. Als Rex, mein Schlafsaalmitbewohner mit seiner Wäsche ankam, strich die Frau auf der Liste einfach die Preise durch und schrieb das Doppelte dahinter. Ja, die Preise wären seit heute Morgen aufs Doppelte angestiegen. Alles klar.

Im Zusammenhang mit all den wundervollen Absonderlichkeiten habe ich übrigens eine Liste mit Dingen gemacht, die ich am meisten von zu Hause vermisse:

  1. deutsches Brot (ich glaube, das Problem kennt jeder, der Deutschland verlässt, auch wenn es nur in ein Nachbarland geht… Dunkles Brot/Körnerbrot ist leider eine Rarität.)
  2.  mein Fahrrad (in Autos und Bussen rumsitzen ist so langweilig, das ist mir vorher nie aufgefallen. In Berlin radle ich jeden Tag überall hin , die Freiheit und Flexibilität ist etwas, was ich hier wirklich zu schätzen lerne.)
  3.  meine Waschmaschine (mit Hand waschen nervt. Und dauert ewig. Und nichts wird richtig sauber.)
  4. Mülltrennung und -abfuhr (es ist vielerorts wirklich so unglaublich dreckig, die Umweltverschmutzung tut mir im Herzen weh. Aus dem offenen Autofenster wird Müll fast immer einfach auf die Straße geworfen. Und Mülleimer gibt es schon gar nicht. Echt schade.)
  5. trinkbares Leitungswasser (in Südafrika überall vorhanden, in Großteilen Afrikas nicht, dort kommen die Keime mit aus dem Hahn. Vorsicht ist geboten, selbst beim Zähneputzen. Wasserkaufen und -schleppen bzw. -abkochen musste ich mir auch erstmal wieder angewöhnen.)
  6. Anonymität (gerade in Gegenden, wo es kaum Weiße gibt, ist man gleich etwas ganz besonderes, wird von jedem angesprochen, teilweise auch angefasst, bekommt viel zu viele Heiratsanträge und wird auch häufig verfolgt. Irgendwann lernt man damit umzugehen und nimmt es mit Humor.)
  7. last but not least, ich kann es kaum glauben, dass sie es wirklich in meine Liste geschafft hat… die BVG! (jetzt wo ich längerfristig dem afrikanischen Vergleich ausgesetzt war erscheint es mir in Berlin überraschend zuverlässig, sauber, geräumig und zielführend… Hätte nie gedacht, dass ich das je sagen würde.)

Das waren jetzt mal ein paar negative Seiten des Alleinreisens in Afrika, die natürlich oft anstrengend sind, aber wenn es so wäre wie zu Hause, wäre es ja viel zu langweilig. Irgendwann lernt man das alles zu akzeptieren und locker und mit viel Humor zu sehen. Vor allem, da die positiven Erfahrungen deutlich überwiegen. Ich war wirklich begeistert, dass fast alle Menschen, die ich getroffen habe, sehr freundlich und hilfsbereit waren, sich wahnsinnig über Besucher gefreut haben und dich sofort nach Hause zur Familie zum Abendessen einladen wollten. So etwas erlebt man in Deutschland wirklich nie.

Gesundheitlich hatte ich zum Glück keine Probleme, obwohl es mancherorts extrem viele Mücken gab und ich kaum Malariaprophylaxe genommen habe. Und auch das Essen habe ich super vertragen ohne jegliche Lebensmittelvergiftungen, obwohl ich wirklich das billigste, authentischste und beste local food von der Straße gegessen habe. Naja, nach drei oder vier Afrikabesuchen ist das Immunsystem wahrscheinlich gegen einiges gewappnet.

Dass ich mich vegan ernähre, hat mich, bis ich in Südafrika angekommen bin, überhaupt nicht eingeschränkt. Im Gegenteil, es gibt überall leckeres Obst und Gemüse, Bohnen, Kartoffeln, Reis, Eintöpfe und vieles mehr. Oft waren die Leute sehr interessiert und positiv überrascht, wenn ich erzählt habe, was vegan sein bedeutet und warum ich mich so ernähre. Südafrika ist dagegen sehr fleischlastig. Sehr sehr sehr fleischlastig. Am bekanntesten ist das südafrikanische Barbeque, Braai, dass nur aus Fleisch besteht. Und das gibt es sehr häufig. Aber viele Leute denken auch ernsthaft, dass Hühnchen Gemüse ist und finden deshalb, dass sie gar nicht viel Fleisch essen. In den Supermärkten gibt es mindestens drei oder vier Fleischregalreihen und mindestens zwei Fleischtheken. Es gibt viel zu viel Fast Food, KFC ist an jeder Straßenecke und das sieht man vielen Leuten auch an…. 🙂

Ich wurde oft gefragt, was denn nun das Highlight meiner Reise war. Ich kann es echt nicht sagen. Ich habe so viele tolle Erfahrungen gemacht, da fällt es schwer zu sagen, was am besten war. Spontan muss ich natürlich den Kilimanjaro erwähnen, Nairobi, Mombasa, Tofo, Tauchen mit Haien und, was mich immer wahnsinnig glücklich macht, das Meer. Einfach nur dazusitzen und aufs Wasser zu schauen oder zum Geräusch der Wellen einzuschlafen oder am Strand spazieren zu gehen und Muscheln zu sammeln, davon kann ich wirklich nie genug kriegen. Glücklicherweise gibt es einiges an Meer in Kapstadt und Umgebung und ich hoffe, dass ich es so oft wie möglich zu sehen bekomme.

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