Joburg, du verrücktes Drecksloch

Mein allererster Gedanke, als ich die Grenze nach Südafrika überquert habe: Hier gibt es jede Menge riesengroße Avocados, hier bin ich genau richtig!

Als der Bus nach ca. fünf Stunden Fahrt in Johannesburg ankam, war ich echt aufgeregt. Man hört ja im Vorhinein einiges, dass es so gefährlich ist, dass man extrem vorsichtig sein muss, weil man immer und überall überfallen und ausgeraubt werden kann usw. Mal sehen…

Ankunft Parkstation, Busbahnhof im strömenden Regen, überall Müll, viel zu viele Menschen und es stinkt… Oh Gott, was ist das denn für ein Drecksloch! Wir wurden sofort wieder belagert, alle wollten uns irgendwo hinbringen. Ich war echt froh, nicht alleine zu sein. Der Busfahrer war echt cool, er hat sofort bemerkt, dass wir leicht überfordert waren und uns, nachdem alle anderen ausgestiegen waren, mit dem Reisebus zu einem halbwegs seriösen Taxifahrer gebracht. Auf dem Weg durch die Stadt zu unserem Hostel sind mir zwei Sachen aufgefallen. Erstens: Johannesburg erinnert mich sehr an Manhattan. Die Straßen sind alle in einem Gitternetz angelegt, jede Menge Autos und Menschen und hohe Gebäude, wenn auch nicht so hoch wie in Manhattan. Zweitens: Ampeln sind nur Richtlinien. Man hält zwar an jeder Kreuzung oder fährt zumindest langsamer, aber selbst wenn es rot ist kann gefahren werden. Die Vorfahrt wird mehr durch Hupen geregelt, als durch Ampeln. Mein Adrenalinspiegel stieg von Kreuzung zu Kreuzung an.

Wir sind 20 Minuten später wohlbehalten in Maboneng angekommen. Das ist ein relativ neuer „Hipster-Bezirk“, in dem hauptsächlich Künstler leben und wo es einigermaßen sicher ist. Das CurioCity Hostel ist sehr empfehlenswert, wir haben uns gleich wohl gefühlt. Agnes und ich haben uns noch etwas die Gegend angesehen, abendgegessen und unseren vorerst letzten Abend zusammen genossen.

Am nächsten Tag stand eine morgendliche Joggingrunde mit Seppel, einem gebürtigen Johannesburger mitten durch die Stadt an. Es war echt super und kein bisschen beängstigend 🙂 Uns ist aufgefallen, dass es mitten in der Stadt extrem viele leerstehende Gebäude gibt. Anscheinend war das zu Apartheid-Zeiten anders, doch danach kamen viele, hauptsächlich schwarze, ärmere Leute zurück in die Stadt und als Reaktion darauf sind die wohlhabenden Weißen in die Außenbezirke gezogen (wo die meisten immer noch leben, in der Innenstadt wohnen inzwischen mehr Schwarze, außerhalb mehr Weiße).

Später hat Seppel mich und ein paar andere mit nach Soweto genommen.

Soweto steht für South Western Township, liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums, gehört aber zu Johannesburg. Es entstand aus einem Zusammenschluss vieler Townships, in die die Schwarzen während der Apartheid umgesiedelt wurden. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Soweto wohnen, es wird geschätzt, dass es ca. 3,4 Mio. sind. Heute gibt es sehr schöne Wohngegenden hier, viele Menschen ziehen nach Soweto, weil die Mieten günstig sind, und pendeln nach Johannesburg zur Arbeit. Allerdings gibt es auch noch sehr viele Slum-ähnliche Bereiche und viel Armut. Im Kampf gegen die Apartheid war Soweto in den 70er Jahren weltweit in den Nachrichten, als bei Schülerprotesten über 500 Menschen starben. Heutzutage kommen immer mehr Touristen nach Soweto, unter anderem um den ehemaligen Wohnort von Nelson Mandela zu besuchen oder zum Bungee Jumping. Und zwar zwischen den Kühltürmen eines stillgelegten Kohlekraftwerks. Echt verrückt. Sehr stolz sind die Menschen aus Soweto außerdem auf ihre Fußballclubs, die zu den besten in Südafrika gehören. Die Orlando Pirates und der rivalisierende Club Kaizer Chiefs, in deren Stadion 2010 das Finale der Weltmeisterschaft ausgetragen wurde (größtes Fußballstadion Afrikas mit ca. 95.000 Zuschauerplätzen).

 

Am nächsten Tag habe ich Joburg auf eigene Faust erkundet. In dem Hostel kann man sich Fahrräder leihen und da ich das Fahrradfahren echt vermisse, seit ich aus Berlin weg bin, habe ich diese Gelegenheit gleich genutzt. Als der Typ aus dem Hostel mir ein ziemlich teuer aussehendes Rennrad hinstellte, war ich etwas verunsichert. Ich hatte extra alle Wertsachen sicher im Hostel verstaut, mir meine schlabberigsten Schlabberklamotten angezogen, damit keiner auf die Idee kommen würde, mich auszurauben… Und dann dieses Fahrrad. Aber mir wurde versichert, dass ich kein Problem haben würde, ich habe ein Schloss bekommen (das man mit einer Bastelschere hätte durchschneiden können…) und bin losgefahren. Es hat echt super viel Spaß gemacht! Man muss zwar extrem vorsichtig fahren und die ganze Zeit aufpassen, nicht überfahren zu werden aber wenn man die ersten 10 Minuten überlebt hat, kommt man klar. Als erstes besuchte ich das Carlton Center, das höchste Gebäude Südafrikas. Man kann für umgerechnet 1€ in den 50. Stock fahren, zum „Top of Africa“ in 223 Meter Höhe. Das Gebäude ist schon etwas heruntergekommen, aber der Ausblick lohnt sich. Ich bin dann weiter durch das viel edler aussehende Bankenviertel gefahren, zur Nelson-Mandela-Brücke (hier ist einfach alles nach Nelson Mandela benannt, wirklich alles!) und zur Universität. Ich wurde echt oft angequatscht, zum einen, weil wirklich kein Schwein in der Stadt mit Fahrrad fährt und man deshalb gleich auffällt. Zum anderen wegen des Fahrrads, ich hatte wirklich viel mehr Angst um das Fahrrad, als um mich. Ich habe mich auch ein paar Mal unwissentlich in Gegenden begeben, die man eigentlich meiden sollte, doch jedes Mal, wenn ich mich unsicher gefühlt habe, bin ich einfach schnell weitergefahren, da war das Fahrrad echt ein Segen und ein Fluch zugleich. Tatsächlich bin ich dann, als ich schon fast wieder zurück war, in eine suspekte Situation geraten. In den großen Städten hier ist fast jede Straße eine Einbahnstraße und deshalb musste ich das Fahrrad ein Stück auf dem Gehweg schieben. Aus den Augenwinkeln ist mir dann aufgefallen, dass drei Typen flüsternd hinter mir hergelaufen sind. Ich dachte erst, ich bin paranoid, weil man unterschwellig die ganze Zeit erwartet, dass irgendwas passiert. Deshalb bin ich abgebogen und habe mich zu einer Gruppe von seriös aussehenden Leuten gestellt, um zu sehen, was passiert. Die Typen haben mich beobachtet, sind langsam an mir vorbeigelaufen und dann ein paar Meter weiter stehen geblieben, haben weitergeflüstert und eindeutig das Fahrrad angestarrt. Ok, die verfolgen mich wirklich und sind hinter dem Fahrrad her. Also bin ich sehr flink aufs Rad gesprungen und, einen riesigen Umweg den Einwegstraßen folgend, zurückgedüst. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Abends habe ich dann so viele Horrorstorys von Überfällen gehört, dass es mir im Nachhinein ein bisschen lebensmüde vorkam, alleine mitten durch diese riesige Stadt mit einem Fahrrad zu fahren. Am gleichen Tag haben zwei Zimmergenossen von mir aus einem Taxi heraus auf dem Gehweg direkt neben ihnen beobachtet, wie ein Tourist von zwei Männern mitten am Tag umgeben von Leuten festgehalten und ausgeraubt wurde. Niemand hat ihm geholfen, alle haben es gesehen und sind einfach weitergegangen. Zum einen sind die Leute es vielleicht einfach gewohnt, dass so etwas passiert. Zum anderen kann ich es auch verstehen, dass man nicht eingreifen will, weil man nie weiß, ob der Übeltäter ein Messer oder eine Pistole dabei hat. Einer anderen Frau wurde beim Geld abheben die Visakarte und das Geld geklaut. Und auch von Vergewaltigungen wurde mir berichtet. Ich muss allerdings sagen, dass ich die Stadt nicht als gefährlicher wahrgenommen, als andere Großstädte. Die meisten waren sehr nett und hilfsbereit und aufpassen muss man überall. Deshalb war ich froh, dass mir diese Storys erst nach meiner Erkundungstour erzählt wurden, sonst hätte ich das nämlich vielleicht nicht gemacht.

Laut Statistik gehört Joburg noch nicht einmal zu den zehn gefährlichsten Städten der Welt, diese sind fast alle in Süd- und Mittelamerika, außer Kapstadt, das liegt momentan auf Platz 9. 2015 wurden in Kapstadt 2451 Menschen getötet. Oha! Soweit ich weiß, ist daher die Mordrate in Kapstadt höher, in Johannesburg allerdings die Anzahl der Überfälle und Diebstähle.

Am nächsten Morgen hat mich eine Amerikanerin, die neben dem Hostel wohnt, mit zum Bahnhof genommen und mir unterwegs noch ein paar Geschichten über die Hijack-Buildings in Johannesburg erzählt. Das sind die Gebäude, die eigentlich leer stehen, in die aber inzwischen Leute „eingezogen“ sind. Das sind fast ausschließlich Arbeitslose, Drogenabhängige usw. Sie wohnen dort ohne Elektrizität oder Wasser in furchtbaren Zuständen. Ich habe mir anschließend ein paar Videos im Internet angesehen, falls es jemanden interessiert:

https://www.youtube.com/watch?v=OSOvCNeDmtY,

https://www.youtube.com/watch?v=0hB-aNCrC68

Am Bahnhof habe ich mir ein Auto gemietet, das ist in Südafrika echt günstig und war für mich für meine restliche Reise günstiger, als wenn ich mit Bussen gereist wäre. Außerdem ist man einfach viel flexibler, wenn man in entlegene Gegenden will. Und an den Linksverkehr habe ich mich in den vergangenen Monaten zum Glück schon gewöhnt. Ich hatte tatsächlich gar kein Problem damit, auch nicht mitten in der Stadt. Also konnte es weitergehen!

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