Wo der Pfeffer wächst

Von Moshi aus ging es für Paty und mich erst einmal an die nördliche Küste von Tansania, nach Tanga. Allerdings stellten wir nach einer ätzenden, heißen, unbequemen, achtstündigen Fahrt fest, dass es dort nicht viel zu sehen gibt. Im Hostel waren wir auch völlig alleine und abgeschnitten von jeglicher Zivilisation. Und dann haben wir uns auch noch verlaufen und sind stundenlang durch die Gegend geirrt. Schnell weg hier.

Wieder acht furchtbare Stunden im Bus und „schon“ waren wir in der Hauptstadt, Dar es Salaam. Wir hatten uns ein billiges Hostel etwas außerhalb der Stadt herausgesucht, was keiner kannte. Und irgendwie wollte und konnte uns auch keiner so richtig helfen dort hin zu kommen. Als wir dann endlich spät abends ankamen, waren wir auf jeden Fall schon echt fertig. Man sitzt zwar den größten Teil des Tages nur in Bussen rum, aber die Busfahrten in Afrika sind schon kräftezehrend. Davon muss man sich immer erst einmal wieder erholen. Aber wir wollten definitiv nicht in Dar es Salaam bleiben. Also versuchten wir am nächsten Morgen, uns zum Hafen zu begeben. Leichter gesagt als getan. Wir waren anscheinend so weit außerhalb der Stadt, dass es fast ein Ding der Unmöglichkeit war, dort wegzukommen. Also sind wir ewig mit unseren riesigen Rucksäcken durch die Gegend geirrt. Ich habe dann spontan beschlossen, ein paar meiner Sachen nach Kapstadt vorzuschicken, weil ich sie nicht mehr mit mir herumschleppen wollte. Tja, das „Main Post Office“ von Dar es Salaam war zwar offen, aber irgendwie saßen wir dann da zwei Stunden herum, weil niemand mir sagen konnte, wie ich ein Paket nach Südafrika schicken kann. Der oder die Verantwortliche würde wohl angeblich bald da sein…. Naja, zum Glück gibt es überall DHL, war zwar teuer, aber wenigstens wurde mein Paket problemlos abgeschickt. Wie ich im Nachhinein feststellen musste, nach Nairobi. Dann nach London. Dann nach Kapstadt. Hätte ich das gewusst, hätte ich das Zeug weiter mitgeschleppt. Ich schäme mich etwas.

Wie auch immer, wir waren auf dem Weg zur Fähre. Wir haben dann doch ein paar humorvolle Hauptstädtler getroffen, während wir auf die Sansibar-Fähre gewartet haben. Der erste sprach uns an mit „Hey people from the moon!“, wir haben uns nur ganz verwirrt angeschaut… „Why people from the moon?“ „Because you are so white that you shine, like the moon!“ Achja, alles klar… Kurz darauf meinte einer von den Hafenangestellten, der mir natürlich sofort angesehen hat, dass ich Deutsch bin, “Hey, I like to watch Bundesliga!!! But my favorite team is Arsenal because of Özil. Can you introduce me to him?“ Den armen Menschen musste ich leider schwerstens enttäuschen. Das war allerdings nicht das erste Mal, dass Leute ohne mich sprechen zu hören oder meinen Pass zu sehen sofort wussten, dass ich deutsch bin und mich auch sofort auf Deutsch angesprochen haben. Wenn ich dann überrascht geguckt habe, meinten sie immer, dass ich sehr deutsch aussehe. Vielleicht ist es auch einfach, weil es so unglaublich viele deutsche Touristen überall gibt…

Auf der Fähre nach Sansibar sind wir dann beide etwas seekrank geworden und waren sehr froh, als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Am Hafen mussten wir durch Pass- und Gepäckkontrolle und waren dann wieder mit unseren Riesenrucksäcken in der Mittagshitze umgeben von dutzenden von Leuten, die uns für viel zu viel Geld zu unseren Hostels bringen wollten. Wo die viel billigeren Busse fahren, wollte uns keiner sagen. Ich glaube zu dem Zeitpunkt war ich zum ersten Mal seit ich losgereist bin richtig genervt und kaputt. Irgendwann hat uns ein Polizist die Richtung gezeigt und wir sind losgedackelt. Ich wollte an die Ostküste nach Paje, Paty hatte sich mit ein paar Freunden woanders verabredet. Ich war sehr erleichtert, als wir am Straßenrand einen Minibus fanden, der nach Paje wollte. Ich bin eingestiegen und Paty wurde der Weg zu ihrem Bus erklärt. Außer mir waren noch sechs bis sieben Männer im Bus, also war es noch nicht einmal halbvoll, aber wir fuhren trotzdem sofort los. Das kam mir gleich suspekt vor. Auf meine Nachfrage, meinte der „Vermittler“, dass wir noch mehr Leute unterwegs einsammeln würden. Und dann wollte er ungefähr das siebenfache des normalen Fahrpreises von mir haben, was immer noch relativ wenig ist, aber ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht bezahlen werde und er mich wieder rauslassen soll. „Ok, I will give you a discount, but don’t think everybody wants to screw you over in Africa. This is the normal price!” Es war immer noch zu viel, aber ich war so genervt, dass ich ihm das Geld einfach gegeben habe. Es wurde dann immer suspekter, weil wir scheinbar planlos durch die Stadt gefahren sind ohne zusätzliche Leute einzusammeln und die Männer plötzlich anfingen, sich auf Swahili anzuschreien. Und dann, ganz plötzlich klettert der Typ mit meinem Geld aus  dem Fenster und springt aus dem fahrenden Bus. Und noch zwei, drei von den anderen hinterher. Das ging alles so schnell, dass ich gar nicht kapiert habe, was da passiert ist. Die drei übrigen Männer (Fahrer, Beifahrer und ein anderer) haben sich dann weiter angeschrien. Ich hatte langsam echt Panik und keine Ahnung, was da los war. Ich habe mehrmals gesagt, dass sie anhalten und mich einfach irgendwo rauslassen sollen oder mir erklären sollen, was da gerade passiert ist. Aber irgendwie hat mir keiner zugehört und wir sind weiter durch die Stadt gebrettert, bis wir dann auf einmal an einer Polizeistation waren und ein Polizist den dritten Mann aus dem Bus gezerrt hat. Es wurde weiter auf Swahili geredet, ich hab nichts verstanden, aber durfte anscheinend nicht gehen. Ich saß dann mit dem Beifahrer da und habe gewartet, bis der Fahrer zurückkam und meinte, dass der Polizist mich verhören will. Auf dem Weg ins Gebäude habe ich mich dann noch mit einem schwer bewaffneten Polizisten angelegt. Mir war zu dem Zeitpunkt echt alles egal, so genervt war ich. In der Station saß ich dann zwei Stunden lang in einer Ecke herum. Der Busfahrer hat sich mit den Polizisten unterhalten, dahinter saß der Typ, den der Polizist mitgenommen hatte und wurde von anderen Polizisten verprügelt und daneben war eine Gefängniszelle (eher ein Loch), in der viel zu viele Leute im Dunkeln auf viel zu wenig Raum in viel zu viel Dreck aufeinander hockten. Ich wollte da echt einfach nur weg und habe mehrmals gefragt, was ich da jetzt eigentlich soll. Irgendwann hat sich einer der Polizisten dazu herabgelassen, sich mit mir zu unterhalten. Viel konnte ich ihm ja nicht sagen, außer dass ein Typ mit meinem Geld aus dem Fenster gesprungen ist. Was da sonst vorgefallen war, wusste ich immer noch nicht. Ich sollte dann meine Emailadresse und Telefonnummer dalassen, falls noch was ist. Dann meinte der Busfahrer, er würde mich jetzt zum „richtigen“ Bus bringen. Was er dann netterweise auch wirklich gemacht hat. Und noch einmal zwei Stunden später war ich dann endlich völlig erschöpft und fertig mit der Welt in Paje, im „New Teddy’s Place“, wo ich sofort eine Australierin getroffen habe, die ich schon in Nairobi kennengelernt hatte und zwei Amerikanerinnen, die mit mir in einem Schlafsaal in Moshi waren. Die Welt ist klein. Und der Tag war echt lang und anstrengend und ich habe wie ein Baby geschlafen.

Den nächsten Tag habe ich deshalb einfach die Seele baumeln lassen, war baden, spazieren am Strand und habe die entspannte Atmosphäre im „New Teddy’s“ genossen. Es ist wirklich toll dort, direkt am Strand, aber auch direkt am Dorf und man lernt sehr schnell nette Leute kennen, sowohl aus dem Dorf, als auch andere Besucher.

Am Strand sind einige Beachboys unterwegs, die dir alles, was du willst, verkaufen wollen. Das kannte ich ja schon aus Mombasa, da war es noch um einiges extremer. Hier sind mir gleich einige Typen aufgefallen, die Massai-Gewänder trugen und Schmuck verkauften. Das fand ich ziemlich merkwürdig, weil Sansibar eigentlich kein Massai-Gebiet ist. Die Managerin vom Teddy’s hat mir später erzählt, dass diese Möchtegern-Massai ihr wahnsinnig auf die Nerven gehen, weil die sehr aufdringlich sind und einen oft ewig verfolgen und keiner von denen wirklich ein Massai ist. Sie tragen nur die Klamotten um bei den (unwissenden) Touristen „gut anzukommen“ und so viel wie möglich zu verkaufen. Finde ich schon irgendwie grenzwertig.

Am nächsten Tag habe ich mich spontan zu einer kleinen Tauchtour entschieden, der Wind war echt extrem, was super ist für die ganzen Kitesurfer in Paje, aber auf dem kleinen Boot war uns allen sehr schnell kotzübel. Sobald man im Wasser ist, geht es wieder. Und die tolle Sicht, Seepferdchen, Seeschlangen, Stachelrochen usw. haben es wieder gutgemacht. Auf der Rücktour wurde dann aber doch ziemlich viel gekotzt und wir waren sehr erleichtert, als wir wieder am Strand waren. Im Hostel habe ich mich dann abends mit einem Schweizer unterhalten. Ich habe echt eine Weile gebraucht, um ihn zu verstehen. Und er meinte im Nachhinein, wie viel Mühe er sich gegeben habe, Hochdeutsch zu sprechen… Am meisten hat es mich verwirrt, dass er nach jedem Satz „…oder?!“ oder besser gesagt „…otterr?!“ gesagt hat und ich jedes Mal dachte, dass er mich nach meiner Meinung fragt, auch wenn es eine ganz normale Aussage war. Und ich musste auch sehr lange überlegen, was er meint, als er mich fragte, in welchem „Spital“ ich denn in Südafrika arbeiten werde… Echt lustig, die Schweizer. Es kamen sogar noch ein paar andere dazu und als die dann aus Schweizerdeutsch miteinander zu sprechen anfingen, habe ich gemerkt, dass es im Vergleich dazu vorher wirklich fast Hochdeutsch war.

Am nächsten Tag bin ich mit ein paar anderen Leuten auf eine Gewürztour gegangen. Sansibar ist ja ursprünglich wegen seiner Vielfalt an Gewürzen bekannt geworden. Neben dem Tourismus ist es immer noch eine wichtige Einnahmequelle für diesen Teilstaat von Tansania. Uns wurden Kardamom-, Vanille- und Nelkenpflanzen gezeigt. Sehr interessant fand ich den Baum, aus dessen Rinde Zimt gewonnen wird, aber mein Favorit waren natürlich die Pfefferpflanzen. Mein unangefochtenes Lieblingsgewürz. Ohne Pfeffer geht gar nichts. Je mehr desto besser. Nachmittags haben wir Stone Town, den alten Teil der Hauptstadt Sansibars, besucht. Wir waren auf dem Fisch- und Hühnermarkt, in alten Gebäuden, im Geburtshaus von Freddy Mercury und in viel zu vielen Souvenirläden.

Paje hat mir echt super gefallen und ich wäre gerne länger geblieben, doch habe dann beschlossen, mich noch in den Norden der Insel zu begeben, wo es angeblich den schönsten Strand geben soll. Zusammen mit einem Australier aus meinem Schlafsaal, der dort auch hinwollte, habe ich mich am nächsten Morgen aufgemacht. Nach kurzer Wartezeit kam ein Dala Dala, in dem wir sogar jeder einen richtigen Sitzplatz bekommen haben. Wir hätten uns gleich denken sollen, dass da etwas nicht stimmen kann. Die bequeme Reise war dann 15 Minuten später vorbei, als wir eine Panne hatten und mitten im Nirgendwo in der prallen Sonne am Straßenrand standen. Eine halbe Stunde später waren wir dann wie gewohnt, halb sitzend, halb stehend, halb liegend auf einem provisorischen Sitz, der ein Wasserkanister war, in ein anderes Dala gequetscht, das hat sich wieder „normal“ angefühlt. In Stone Town mussten wir umsteigen. Ich bin echt aus allen Wolken gefallen, als ich direkt wieder von dem Typen angesprochen und verfolgt wurde, der mit meinem Geld aus dem Busfenster gesprungen war. Er wollte uns helfen, unseren Bus Richtung Norden zu finden. Noch einmal bin ich darauf nicht reingefallen. Ich fand das so absurd, dass ich diesen Typen mitten in der Stadt wiedersehe, ich musste echt lachen. Er wollte wissen, warum ich lache, woraufhin ich ihn  gefragt habe, ob er sich nicht an mich erinnert? Ne. „Du bist doch der Typ, der vor drei Tagen mit meinem Geld aus dem fahrenden Bus gesprungen ist…“ Da war er dann sprachlos und hat uns in Ruhe gelassen. Und auch den Mann, der festgenommen und verprügelt wurde, habe ich nur ein paar Sekunden später getroffen. Vielleicht haben die ja doch unter einer Decke gesteckt. Ich weiß immer noch nicht, was da los war. Aber ich will es auch nicht mehr wissen… Jedenfalls haben wir unseren Bus nach Nungwi gekriegt und nach einer weiteren Stunde herumirren im Dorf haben wir unsere Unterkunft gefunden.

Der angeblich schönste Strand Sansibars war allerdings irgendwie eine Enttäuschung für mich. Also nicht, dass der Strand nicht schön ist, im Gegenteil. Aber das hat auch echt seine negativen Seiten. In den letzten 5-10 Jahren sind hier dutzende Nobelhotels und –resorts direkt am Strand entstanden und haben die Dörfer und die Einheimischen verdrängt. Der Kontrast ist echt krass und war für mich schwer zu akzeptieren. In den meisten der Hotels hätte ich mir noch nicht einmal ein Glas Wasser leisten können. Und dann läuft man zwischen den Hotels durch, weg vom Strand, und ist wieder in Afrika. Armut, Müll, Straßenkinder. Viele leerstehende Häuser, da für die Touristen teilweise ganze Nachbarschaften umgesiedelt wurden. Einfach unglaublich. Da war ich doch froh, dass meine Unterkunft mitten im Dorf, ganze einfach und weit vom Strand entfernt war. Abendgegessen haben wir dann super günstig und super lecker in einem süßen kleinen Restaurant im Dorf und später bei einem Bierchen noch ein paar sehr lustige Einheimische kennengelernt. Der eine war etwas verrückt und wollte uns die ganze Zeit diverse Drogen andrehen, „It’s not a problem. Holiday! Enjoy!“

Am nächsten Tag habe ich einen sehr langen Strandspaziergang gemacht, um die Nordspitze herum, weg von den Luxushotels. Abends haben wir einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachtet und versucht, die ganzen recht aufdringlichen „Strandverkäufer“ abzuwimmeln. Mein Lieblingstyp war der „Coconut-Guy“, den kennt wirklich jeder. Er läuft einfach den ganzen Tag ununterbrochen den Strand rauf und runter und schreit „Coconuts! Fresh Coconuts!“. Außerdem fragt dich jeder Zweite: „So tomorrow dolphin tour?“. „No, thank you.“ „Ok, so the day after tomorrow?“ „No, thank you.”

Also, genug Sansibar, zurück nach Stone Town, diesmal mit einem kleinen Propellerflugzeug nach Dar es Salaam, anstatt mit der Fähre. War echt ein lustiges Erlebnis. Im internationalen Flughafen von Sansibar sind Gepäckkontrolle und –abgabe, Sicherheitschecks, Wartebereich usw. direkt nebeneinander in einem kleinen Raum. Sehr kompakt. In die Flugzeuge passen ca. 10 Passagiere, man kann vorne ins Cockpit und aus dem Fenster schauen, Co-Piloten gibt es nicht und während des Flugs erledigt der Pilot noch schnell seinen Papierkram. Sehr effektiv.

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