Kili Killers

Am 07.10.16 begann das große Abenteuer Kilimanjaro! In unserem Chaos-Dorm herrschte noch mehr Chaos als sonst. Paty, eine Krankenschwester aus Portugal, die sich uns am Abend zuvor spontan angeschlossen hatte, Aland und ich saßen auf dem Boden, alle unsere Sachen ausgebreitet und überlegten, was wir wohl brauchen würden. Ich hatte mich ein paar Tage vorher dazu entschlossen, das zu tun, was man in Moshi tun sollte. Den Kilimanjaro besteigen, das Dach Afrikas, den höchsten Berg auf diesem Kontinent. Ich war schlechter vorbereitet als die anderen. Alle hatten ihre Winterausrüstung dabei, wofür ich sie im Vorhinein ununterbrochen belächelt habe. Wir sind hier in Afrika! Es ist heiß hier!!! Man braucht nur Badesachen, T-Shirts und Shorts!!! Ok, vielleicht einen Pulli, auf dem Berg könnte es ein bisschen kälter sein… Ein kleines bisschen… Am Abend vorher hatten wir unsere Guides kennengelernt, Ali und Faraja. Auch sie haben meinen dünnen Schlafsack und meine Regenjacke belächelt und mir wortlos eine Skihose und Handschuhe hingelegt. Ok…….. Handschuhe? Brauchen wir die wirklich? Wir kommen aus Europa, wir können ein bisschen Kälte ab.

Stephanie, die Leiterin des Hostels hat unsere Gruppe zusammengeführt. Außer unseren Guides würden uns vier noch ca 13 Träger begleiten und ein Koch. Das fand ich echt merkwürdig, ich kann doch meinen Rucksack selber tragen… „Aber wer trägt dein Zelt, Matratze, Essen, Trinken, Geschirr usw.?“ hat Stephanie gefragt. Hm. Ich habe ihr gesagt, dass es mir unangenehm ist, wenn Leute meine Sachen für mich tragen. Daraufhin meinte sie, dass die Leute hier das Geld brauchen und dass es gute Jobs für sie sind. Ok, mein Gewissen war beruhigt.

Auf ging es, erstmal zum Eingang des Nationalparks, zum Machame Gate. Dort wurde ich gezwungen, drei Liter Wasser in mich hineinzukippen, das soll der Höhenkrankheit vorbeugen. Und man soll sich auch ausgiebig der letzten richtigen Toiletten erfreuen. Dann gings los! Und zwar pole pole… langsam! Wir sind auf ca. 1800m Höhe gestartet und sind am ersten Tag ca zehn km weit durch den Regenwald gelaufen zum ersten Camp, das ca 3000 m hoch liegt. Als wir ankamen, waren unsere Zelte schon aufgebaut. Die Träger laufen um einiges schneller und tragen jeder ein Gepäckstück auf dem Rücken und eins auf dem Kopf, echt beeindruckend. Wir hingegen laufen „pole pole kama kinyonga“ („langsam wie ein Chamäleon“). Noch war nichts von der Höhe zu spüren. Es gab Tee mit Popcorn, dann haben wir versucht uns ohne Wasser zu waschen und schließlich wurde das Abendessen serviert. Danach wurden uns ein paar Infos über den nächsten Tag gegeben, wir haben den Sternenhimmel mit Milchstraße bewundert und dann hieß es „Lala salama!“-„Nawewe pia!“ („Schlaf gut!“-„Du auch!“).

Am nächsten Morgen gab es dunkelroten Porridge zum Frühstück, anstelle von Hafer wird Finger Millet verwandt, super lecker! Dann begann der zweite Tag mit einigen Klettereinheiten über große Felsen während die Bäume immer kleiner und seltener wurden. Es ging ca. 1000m hoch und fünf km weit, mittags waren wir schon im nächsten Camp, inzwischen über den Wolken. Die Aussicht war unglaublich!!! Nach Mittagessen und Mittagsschlaf haben wir uns eine Höhle in der Nähe angesehen und dann noch ein paar Höhenmeter zur Akklimatisierung zurückgelegt. Als wir zurück zum Camp kamen, hatte unsere Gruppe eine kleine Überraschung für uns: sie haben in einem Kreis mehrere Lieder angestimmt und getanzt, es war echt ansteckend, auch wenn wir nichts verstanden haben… Als wir nach dem Abendessen bemerkten, dass wir unseren Atem sehen konnten, bekam ich echt Angst vor der Nacht, denn ich hatte in der vergangenen Nacht schon trotz fünf Schichten vor Kälte nicht geschlafen… Also habe ich noch zwei Schichten hinzugefügt und noch mehr gefroren als in der Nacht zuvor. Dadurch, dass man ca. fünf Liter am Tag trinken soll, muss man nachts mehrmals aufstehen um „Emails zu schreiben“ (das war unser Codewort für Pipimachen…), das ist zum einen ziemlich anstrengend mit den ganzen Klamotten, zum anderen habe ich auf dem Weg einfach so lange Kniebeuge gemacht, bis mir halbwegs warm war…

Als ich am nächsten Morgen sah, dass unser Zelt vollkommen vereist war, wusste ich, dass ich mir die Kälte definitiv nicht eingebildet hatte… Der dritte Tag war für uns alle eine wirkliche Herausforderung. Axel hatte als erstes mit Übelkeit und Kopfschmerzen zu kämpfen, Paty mit ihrer Rattenphobie. Eigentlich waren es noch nicht einmal Ratten sondern ganz süße braune Mäuse, aber von dem Moment an, als sie die erste gesehen hatte und kreischend auf uns zu gerannt kam, musste ich jedes Mal unser Zelt für rattenfrei erklären und sie ins Gebüsch zum „Emailschreiben“ begleiten. Wir erreichten an diesem Tag ein Zwischencamp auf 4600 m Höhe und jetzt spürten wir alle die Höhe. Uns war kotzübel, schwindelig und wir hatten extreme Kopfschmerzen. Ali und Faraja mussten uns zwingen etwas zu essen und zu trinken, da es sonst noch schlimmer wird. Danach wanderten wir zum Baranco Camp hinunter (3950 m), denn das sind die Bergregeln: „Walk high, sleep low.“ Das Camp war richtig schön gelegen, windgeschützt zwischen zwei Berghängen und mit bestem Blick auf einen der Gletscher. Als ich mich gerade zu einem kleinen Nachmittagsschläfchen hingelegt hatte, um die Kopfschmerzen loszuwerden, kam Faraja und hat mir seinen Schlafsack gegeben, weil ich nachts immer so gefroren hatte. Das war so lieb und ich hatte ein so schlechtes Gewissen, weil er stattdessen meinen viel dünneren nehmen wollte, aber er meinte, ihm war noch nie kalt und ihm ist sowieso zu warm in seinem…

Und mir war tatsächlich nachts mit nur noch drei Schichten in dem dicken Schlafsack nur noch ein bisschen kalt, schlafen konnte ich trotzdem nicht. Das lag wahrscheinlich daran, dass der Körper auf den Sauerstoffmangel mit einer erhöhten Herzfrequenz reagiert und man das im Liegen ziemlich stark merkt. Paty hatte als Vorzeigekrankenschwester ihr Pulsoximeter aus dem Krankenhaus mitgebracht und wir haben jeden Morgen und Abend unsere Sauerstoffsättigung im Blut gemessen. Bei 4600 m war sie von 97% (Normalwert) auf 73% gesunken, dafür war mein Ruhepuls von 56 auf 100 angestiegen um den Körper weiterhin ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Also lag ich im Zelt und fühlte mich, als ob ich gerade gerannt war. Nicht gerade schlaffördernd.

Am Morgen des vierten Tages haben Paty und ich festgestellt, dass wir kein einziges Kleidungsstück mehr hatten, das nicht verschwitzt und dreckig war… Egal, wir stinken eh alle. Es ist schon eine Herausforderung ohne Duschen oder wenigstens einen Wasserhahn. Und auch die „Klos“ (Löcher im Boden, bei denen man meistens das Gefühl hatte, dass mehr daneben als ins Ziel gegangen war) waren ohne Luftanhalten schwer auszuhalten. Die „reichen Leute“ hatten sogar tragbare Toiletten dabei, die in jedem Camp neu für sie aufgebaut wurden, wie vornehm…!!!

Wir sind eine recht steile Felswand hochgeklettert und haben oben angekommen eine kleine Fotosession gestartet. Ali und Faraja sind wirklich für jeden Spaß zu haben und haben uns nicht nur geführt, sondern auch dazu beigetragen, dass wir die lustigste und lauteste Gruppe weit und breit waren. Nach einem Zwischenstopp erreichten wir am späten Nachmittag das Basecamp Barafu in 4600 m Höhe.

Langsam waren wir alle trotz der Erschöpfung und der Symptome der Höhenkrankheit sehr aufgeregt. Nach dem Versuch etwas zu Abend zu essen legten wir uns sofort hin und versuchten bis Mitternacht zu schlafen. Dann hieß es in völliger Dunkelheit: alles anziehen was ihr habt, Wasserflaschen auffüllen und warm im Rucksack einpacken, Kopflampe aufgesetzt und los! Die letzten 1300 Höhenmeter legt man nachts zurück mit dem Ziel, zum Sonnenaufgang ganz oben zu sein. Im Gänsemarsch und ganz gemächlich begannen wir den Aufstieg, im Zickzack zwischen den Felsen nach oben. Nach einer halben Stunden war unser Wasser vereist und wir schon völlig am Ende. Es war extrem kalt und windig, anstrengend und man hat so gut wie nichts gesehen, außer die Füße vom Vordermann. Angehalten haben wir nur, wenn wir einigermaßen windgeschützt waren. Ich war zum ersten Mal so kaputt, dass ich wirklich fast im Laufen eingeschlafen wäre. Ali und Faraja mussten uns andauernd ermahnen, wach zu bleiben und einfach weiterzugehen. Der Weg schien wirklich unendlich. Wir haben ab und zu die Leuchten von den Gruppen vor uns gesehen, aber man konnte die Entfernung nie richtig einschätzen und sie verschwanden immer und tauchten wieder auf. Ali hat uns verboten zu fragen, wie lange es noch dauert und wir hatten jegliches Zeitgefühl verloren. Außerdem kamen uns immer wieder Leute entgegen, die aufgegeben hatten und sich wieder auf den Rückweg machten, meist kotzend und halb ohnmächtig. Auch Paty wollte mehrmals aufgeben, aber wir haben sie einfach weitergeschoben. Für mich war der einzige Grund, warum ich kein einziges Mal daran gedacht habe aufzugeben, dass ich wusste, dass wir nah am Gipfel waren und ich es bereuen würde, wenn ich kurz vor dem Ziel aufgeben würde. Aber ich kann echt verstehen, dass viele einfach nicht weiter konnten. Dieser Aufstieg war mit Abstand das körperlich Anstrengendste und Härteste, was ich je gemacht habe. Mir war so unvorstellbar kalt und schwindelig, dass ich nur noch hin und her getorkelt bin und mich an die Hälfte nicht mehr erinnern kann. Ich bin drei oder vier Mal einfach hingefallen und Faraja musste mich hochziehen und weiterschieben, sonst wäre ich einfach am Boden liegengeblieben und eingeschlafen. Endlich haben wir die Morgendämmerung gesehen und Ali meinte, dass wir nur noch eine Stunde entfernt sind. Um ca. 6 Uhr erreichten wir den Rand des Kraters am Stella Point. Nur waren unsere Hände in den Handschuhen so gefroren, dass wir keine Bilder mehr machen konnten. Das hat Faraja für uns gemacht. Jetzt nur noch ca 45 Minuten den Kraterrand hoch und schon waren wir am höchsten Punkt Afrikas, dem Uhuru Peak. Wir haben uns umgesehen, Fotos gemacht und wollten dann so schnell wie möglich wieder weg. Echt verrückt, fünf Tage zu laufen um den Gipfel zu erreichen und dann noch nicht einmal zehn Minuten dort bleiben… Aber länger ging es einfach nicht, es war eisig kalt und der starke Wind hat es noch 100 mal schlimmer gemacht.

Der Abstieg war für mich dann fast genauso eine Tortur wie der Weg hoch. Mir war so kotzübel und schwindelig, ich war einfach nur fertig und hundemüde, also ging es wirklich pole pole hinunter zurück zum Basecamp, wo wir uns endlich nach 10 Stunden ausruhen konnten. Ich hatte zwar seit über einem Tag nichts gegessen, aber mir war auch echt nicht danach, vor allem nachdem ich dann ein nettes Wiedersehen mit dem Essen vom vorvorherigen Tag hatte. Das hat mir leider für den Rest der Reise den Appetit auf Porridge verdorben… Ali hat sich total gefreut als er mich kotzend hinter dem Zelt gefunden hat. „That’s so good! I’m happy for you!“…. OK…. Ja, ich freu mich auch. Nachmittags ging es dann weiter runter zum Mweka Camp auf ca 3000 m, da ging es uns allen wieder gut, so fast zurück am Boden.

In der letzten Nacht habe ich dann zum ersten Mal auf dieser Tour richtig geschlafen, anscheinend muss ich erst einen fast 6000 m hohen Berg hochklettern damit ich müde genug bin um tief und fest zu schlafen, egal wie kalt es ist. Am letzten Morgen weckte uns um fünf Uhr wie jeden Tag der Weckruf „MASSANJE!“. Massanje war einer der Träger und auch unser „Kellner“, er hat sich so lieb um uns gekümmert und sich alle fünf Minuten nach uns erkundigt. Er war in unserer Gruppe der Mann für alle Fälle, immer wenn irgendjemand ein Problem hatte, „Massanje!“!!! Paty und ich haben ihn wirklich ins Herz geschlossen.

Wir sind ca. drei Stunden wieder zurück durch den Regenwald begleitet von einigen Affen gewandert und am Mweka Gate „zurück am Boden“ auf 1800m angekommen. Wir haben uns aus dem Nationalpark ausgetragen und im Gästebuch geblättert (der Eintrag vor mir war von einem Brasilianer, den wir öfters getroffen hatten: „I have never farted this much in my life. I blame the altitude.“

Als wir zurück im Rafiki‘s waren gab es eine erneute Tanz- und Gesangseinlage und eine feierliche Übergabe unserer Zertifikate. Dann haben wir nach 6 Tagen endlich mal wieder geduscht!!! Es war eine Wonne. Es ging uns auch allen wieder gut, mal abgesehen von dem höllischen Muskelkater. Und: selbst eine Woche nachdem wir auf dem Gipfel waren, spüre ich meine Fingerkuppen an der rechten Hand nicht. Ich habe bei dem Versuch meine Kamera zu benutzen auf dem Gipfel nur kurz meine Handschuhe ausgezogen und mir dabei lokale Erfrierungen zugezogen. Naja, wird schon wieder.

Insgesamt kann ich nur sagen, dass ich es kein bisschen bereue diese Tour gemacht zu haben. Ich hatte eine wahnsinnig tolle Gruppe, ich habe uns im Nachhinein den Namen „Kili Killers“ gegeben. Unsere Guides waren einfach unschlagbar, sie haben uns motiviert und es nie langweilig werden lassen, sie haben uns alle durchgebracht (ca 10% schaffen es nicht bis ganz nach oben auf dieser Strecke) und sich super um uns gekümmert. Es war mit Abstand sowohl körperlich als auch mental die anstrengendste Erfahrung, die ich je gemacht habe und ich kann es jedem, der mal in der Gegend ist, nur empfehlen. Vor allem, wenn man es mit so tollen Menschen zusammen machen kann. Ich vermisse diese verrückte Gruppe jetzt schon! Es war einfach nur cool mit ihnen, cool like a frozen banana – „Poa kichizi kama ndizi“.

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