Korogocho

Etwa 200.000 Menschen leben auf 1,5 Quadratkilometern in Korogocho, dem drittgrößten Slum von Nairobi. Der Name bedeutet laut Wikipedia so viel wie „Durcheinander, Chaos, Abfall“, eine gute Zusammenfassung meines Eindrucks nach einem Nachmittag in Korogocho.

Nicholas Josphat Muiruri Ndichu ist 23 Jahre alt, frischgebackener Vater und in Korogocho aufgewachsen. Er lebt mit seiner Frau Regina, seiner drei Monate alten Tochter Trinity Wunjiru, seinem 18-jährigen Bruder Derrick und seiner Mutter Beth in einer Wellblechhütte mitten im Slum. Er besitzt einen kleinen Shop, in dem er Filme und Musik verkauft und verleiht. Momentan versucht er das Geschäft etwas auszuweiten und auch Kosmetikartikel, Toilettenpapier usw. zu verkaufen. Deshalb fährt er fast jeden Tag auf einen Billigmarkt in einem anderen Stadtteil von Nairobi um einzukaufen. Auf der Rückfahrt von einem dieser Einkäufe setzte er sich im Bus zufälligerweise neben mich und wir kamen ins Gespräch.

Ich war gerade mit den Koreanern, die ich im Hostel in Nairobi kennengelernt habe, auf dem Rückweg aus dem Masai Mara Nationalpark. Die Gruppe besteht aus einem Lehrerpaar, Sonia und Minho, und sechs Schülern. Sie machen eine Weltreise und werden durch ein Schulprojekt organisiert und teilweise finanziert. Die jeweiligen Etappen und Aktivitäten werden vom Schulleiter vorgegeben, da die Schüler von dieser Reise so viel wie möglich mitnehmen und lernen sollen. Zum Beispiel wurden sie in den USA auf einer einsamen Insel auf einem See ausgesetzt und mussten dort 2 Tage alleine und unabhängig in Zweiergruppen überleben. Harte Bildungsmaßnahmen… Der Schulleiter hatte nun vorgeschlagen, mit den Schülern in ein Slum zu gehen, um zu sehen, wie ein großer Teil der Bevölkerung in Entwicklungsländern lebt.

Wir hatten also gerade beschlossen, uns ein Slum anzusehen, als sich Nicholas neben mich setzte und mir erzählte, dass er in Korogocho lebt und dass er uns gerne sein Zuhause und seine Familie zeigen würde. Auch sein Bruder Derrick begleitete uns durch Korogocho, da Nicholas meinte, es wäre sonst nicht sicher für uns, da Weiße sehr häufig überfallen und ausgeraubt werden. Nachdem wir uns kurz seinen kleinen Laden und seine süße Tochter angesehen hatten, gingen wir auf die andere Straßenseite in einen kleinen Raum. Dort trifft sich Nicholas fast täglich mit ca. 12 Freunden, die gemeinsam mit einem Pfarrer 2012 eine Organisation gegründet haben, die sich „Napenda Kuishi“ nennt, was so viel wie „Das Leben lieben“ heißt. Die Mitglieder unterstützen sich gegenseitig bei der Arbeit und planen gerade eine Auto- und Motorradwaschanlage zu bauen, mit der sie ihre Gruppe finanzieren wollen. Wir wurden sofort herzlich begrüßt und in die Gemeinschaft aufgenommen. So viele Muzungus hatten sie noch nie da, meinten sie…

Danach besuchten wir die Schule von Korogocho. Dort werden alle Kinder gemeinsam unabhängig vom Alter unterrichtet. Sie hatten gerade Pause und haben sich wahnsinnig über unseren Besuch gefreut. In der „Korogocho City Hall“, einem großen runden Raum, der auf dem Schulgelände ist, wurde gerade ein Englischtest geschrieben. Sonia hat gleich mit der Lehrerin Rose ein Gespräch angefangen und sie zum Lehrplan und den Schülern befragt, woraufhin diese ihr voller Stolz vom Enthusiasmus ihrer Schüler berichtet hat und uns ihren besten Schüler vorgestellt hat. Für die Kinder ist das die einzige Chance irgendwann aus dem Slum herauszukommen und alle sind sehr dankbar, dass sie keine Schulgebühren bezahlen müssen, da es sich sonst wohl kaum einer leisten könnte…

Anschließend führte uns Nicholas zum größten „Arbeitgeber“ von Korogocho: einer gigantischen Müllhalde. Hier wird Müll aus der ganzen Stadt in LKWs angeliefert und abgeladen. Mich wunderte es überhaupt, dass irgendwo Müll gesammelt wird, da man unterwegs meistens stundenlang vergeblich nach einem Mülleimer sucht. Fast alle werfen ihren Müll immer irgendwohin auf den Boden, es ist echt eine Katastrophe… Jedenfalls standen wir auf einmal am Rand einer riesigen Senke mitten im Müll. Der Gestank war kaum vorstellbar. Man muss die ganze Zeit aufpassen, nicht auszurutschen. Stellenweise wird der Müll auch verbrannt, was die Qualität der Luft noch einmal extrem verschlechtert. Und an den LKWs, die den Müll einfach dort runterkippen, stehen Menschen und versuchen aus dem ganzen Chaos noch verwertbares Papier und Plastik herauszusuchen, was dann pro Kilogramm verkauft und recycelt wird. So zumindest verdient Susan ihren Lebensunterhalt. Und sie hat noch einen vergleichsweise guten Platz erwischt. Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, stellte ich fest, dass unten mitten im Müll und zwischen den vereinzelten Feuern Leute herumlaufen. Sie versuchen, alles noch brauchbare herauszupicken: Kupfer, Elektromüll, Plastik und Papier. Über der ganzen Szenerie fliegen duzende von Marabus. Sie sind in vielen afrikanischen Großstädten zu finden und ernähren sich wie Tauben von allem, was sie finden. Die Menschen in Korogocho wiederum ernähren sich häufig mangels anderer Nahrung von den Vögeln.

Auf den Straßen von Korogocho werden vor allem Fundstücke von der Müllhalde verkauft. Alles was noch halbwegs brauchbar aussieht. Für umgerechnet kaum einen Cent. Außerdem kann man an fast jeder Ecke billig Mittagessen. Sehr beliebt ist eine Suppe mit gefüllten Hühnerköpfen und Innereien. Alles, was nach dem Schlachten von den Tieren noch übrig ist, wird in Korogocho als Delikatesse serviert. Die koreanischen Jungs fanden das so eklig, dass sie sich vornahmen ab jetzt vegetarisch zu leben. Und auch die typisch afrikanischen Haarverlängerungen kann man hier, wenn auch second oder third hand, erwerben.

Unser nächster Halt war im Fluss. Auch hier zeigte sich wieder die entsetzliche Umweltverschmutzung. Es wird einfach ALLES in den Fluss gekippt. In der ganzen Stadt. Es ist eine braune stinkende Brühe. Und es sammeln sich überall kleine Müllinseln. Und auf denen hüpfen kleine Kinder herum. Sie schwimmen auch mitten durch den Schmodder, immer in der Hoffnung noch etwas Brauchbares zu finden. Nicholas ist als Kind auch hier geschwommen. Und er hat auch auf der Müllhalde gesammelt. Als er klein war, ist er zur Schule gegangen. Doch irgendwann ist er von zu Hause abgehauen. Seine Mutter hatte ihn alleine großgezogen, da sein Vater die Familie verlassen hat, als er noch ein Baby war. Nicholas hat fünf Jahre lang auf der Straße gelebt. Er hat meist nachts gearbeitet, da es dort für ein Kind nicht sicher war zu schlafen. Tagsüber hat er sich dann in einen Park schlafen gelegt. Manchmal kamen seine Mutter und sein Bruder vorbei um nach ihm zu sehen, aber er ist nie mit ihnen nach Hause gegangen. Er war sehr lange drogenabhängig. Am schlimmsten war für ihn das Klebstoffschnüffeln. Er musste jeden Tag genug Geld zusammenbekommen, um sich neuen Klebstoff zu kaufen, auch wenn es dann nicht mehr für Essen und Trinken gereicht hat. Als er 14 war, stellte ihm dann jemand seinen Vater vor, dem er noch nie begegnet war. Er lebt in einer der gefährlichsten Gegenden von Nairobi und verkauft Drogen. Ab und zu sind sie sich nachts begegnet, aber Nicholas wollte nichts mit ihm zu tun haben. 2008 wurde er dann von einer Organisation namens „Made in the Streets“ aufgenommen. Durch sie ging er wieder zur Schule, lernte Englisch, er entdeckte sein Talent fürs Singen und Tanzen, er überwand seine Sucht und veränderte sein Leben von Grund auf. Er kam auch wieder nach Hause zu seiner Mutter und zu seinem Bruder, auch wenn sie ihn nie wieder richtig in die Familie aufgenommen haben, aus Angst, dass er erneut wegrennen könnte.

Er bekam von „Made in the Streets“ eine Catering-Ausbildung und hat für kurze Zeit in einem Hotel als Bäcker gearbeitet. Danach hat er mit verschiedensten Jobs versucht, Geld für seine Mutter und für seinen kleinen Bruder zu verdienen. Er hat geputzt und sich einen kleinen Ofen gebaut und Gebäck gebacken und verkauft. Dann hat er irgendwann seinen kleinen Laden gegründet und kann sich und seine Familie nun damit ernähren. Letztes Jahr hat er Regina getroffen. Die beiden kannten sich schon zu Schulzeiten und hatten dann aber den Kontakt zueinander verloren. Regina wurde von ihrer Familie verstoßen, nachdem sie schwanger wurde und der Vater des Kindes sie verlassen hatte. Jetzt ist sie mit Nicholas verheiratet und die beiden haben vor drei Monaten ihr erstes gemeinsames Kind bekommen.

Zum Schluss zeigt Nicholas uns sein Zuhause. Es ist eine winzige Wellblechhütte. Ich mache den ersten Schritt hinein, da sagt er: „Jetzt bist du in meinem Wohnzimmer.“ Nach dem zweiten Schritt: „Jetzt bist du im Esszimmer“ und nach dem dritten Schritt: „Jetzt in der Küche. Herzlich willkommen!“ Hinter einem Vorhang gibt es noch ein kleines Bett. Und: es gibt sogar Strom! Nicholas hat von seinem Onkel gelernt, wie man vom „Strom der reichen Menschen“ etwas abzwacken kann. Ein großer Teil der überirdischen Stromversorgung Nairobis führt mitten durch Korogocho, das offiziell keine eigene Stromversorgung hat. Deshalb leihen die Leute sich etwas von den Leitungen, die durch ihren Stadtteil laufen. Hinter seinem Haus hat Nicholas einen Schweinestall, seinen Ofen und einen kleinen Garten, wo er Bananen und Zuckerrohr anpflanzt. Eine Toilette hat hier niemand. Es gibt zwei öffentliche Toiletten und Duschen in Korogocho, doch die eine ist gesperrt und die andere streng bewacht und unbenutzt, da sich die Gebühr für die Benutzung keiner leisten kann. Deshalb wird überall aufs Klo gegangen, was die hygienische Situation nicht gerade verbessert.

Ich habe mich am nächsten Tag noch einmal mit Nicholas getroffen und er hat mir seine Lieblingsorte in Nairobi gezeigt, unter anderem den City Park, wo er früher immer geschlafen hat. Wir waren auch in der Straße, wo sein Vater normalerweise arbeitet, aber er war gerade nicht da. Er hat mir sehr offen und ehrlich von seinem Leben erzählt und alle meine Fragen beantwortet ohne dass ihm irgendetwas davon unangenehm war. Er ist sehr stolz auf seine Arbeit und seine Familie und hat eine unglaublich positive Lebenseinstellung. Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht, mit ihm Zeit zu verbringen und ich bin sehr froh, dass er sich im Bus neben mich gesetzt hat und ich ihn so kennengelernt habe. Auch wenn ich etwas gebraucht habe um alles aufzunehmen, zu verstehen und zu verarbeiten, was er mir gesagt hat.

 

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